Wenn die Welt das Atmen verlernt

Wir schreiben ein Wochenende im August und inmitten von fallenden Blättern und um den Hals gewickelten Schals bahnt sich der Herbst seinen Weg durch die Schlange, die vor dem Blütengarten des Westfalenparks in Dortmund auf den Einlass wartet. An den leicht bekleideten Armen bildet sich durch den frischen Windzug leichte Gänsehaut und um den Mund kleine Falten, als der Einlass endlich losgeht. Auf den Bänken sitzen lebendig plaudernde Menschen, in den Händen liegen bunte Kullis und blaue Buntstifte, um das Kontaktformular auszufüllen. Abgesperrt hinter Plakaten, Gittern und großen Bäumen findet sich die Location des heutigen Abends – mitten im Park und doch in ihrer ganz eigenen Welt. Von Merchandise über Getränke- bis hin zu Essensständen ist alles dabei, was das Herz begehrt.

Die bunten Stühle vom letzten Mal, als wir hier bei Walking On Rivers zu Besuch waren, wurden inzwischen eingetauscht durch schwarze Stuhlreihen. In Zweierreihen abgetrennt durch Bierkästen, alsbald geschmückt mit bunten Jacken und leichten Jutebeuteln. Aus denen die ein oder andere Vinyl ragt, die am Merchandisestand ergattert wurde und nun bald auf dem Weg zu einem neuen Zuhause ist. Aber bevor sie es sich überhaupt dort gemütlich machen kann, müssen Provinz erst einmal die Bühne betreten, die heute Abend ein Feuerwerk zünden wollen.

Die ersten Funken erschaffen sie mit „Mach Platz!“, der gleichzeitig auch als Opener auf der neuen Platte „Ich baute dir Amerika“ zu finden ist. Sänger Vincent betritt die Bühne, stellt sich mit in der Mitte kreuzenden Armen vor das Mikrofon und nimmt sich eine unendliche Sekunde Zeit. Lässt seinen Blick durch die Menge streifen, streicht seine Haare zurück und holt tief Luft. Holt tief Luft für die nächsten anderthalb Stunden, die gefüllt sein werden mit lauten Gefühlen und leisen Klängen. Holt tief Luft, legt sich die ersten Zeilen in seinem Mund zurecht und atmet befreit zusammen mit ihnen aus. So leise wie der Song auch anfängt, so laut wird er im Refrain, als auch Leon, Mosse und Robin einsetzen.

Provinz fangen die Zeit ein, klettern mit ihr zusammen eine wackelige Leiter hoch und schweben weit über den Wolken. Immer weiter, immer höher – das ist, was die Band will. Und ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich sie letztes Jahr noch auf der Wohnzimmerbühne in einem Kaff mit zwei Bahngleisen kennengelernt habe, mit 20 Zuschauen auf bunten Decken direkt vor der Band sitzend und zu „Reicht dir das“ schließlich euphorisch tanzend. Damals noch ohne Bühne und mit einem gemütlichen Wohnwagen als Kulisse, jetzt mit Hunderten Fans vor der hell erleuchteten Plattform, warmem Licht und hochwertigem Equipment.

Werden vom Nebel eingehüllt, befreien sich Sekunden später und lassen die Gefühle fliegen. Dunkle Schatten werfen sich auf das Gesicht von Robin, tanzen mit seinen Fingern um die Wette auf den schwarzen und weißen Tasten des roten Keyboards. Wollen ihn nicht loslassen, während ein Flugzeug vorbeifliegt und das Schlagzeug im nächsten Song „Verlier dich“ ausbricht. Verziert von schweren Wolken und lauten Vögeln geht der Himmel auf, macht Platz für die Band, die in Sekundenschnelle schmerzhaft pochende Herzen für sich gewonnen und in heilenden Balsam gewickelt hat. Herzen von Festivalliebhabern wie auch die von der laut lachenden Runde, die weiter hinten mit rot-weißen Wimpeln in der abgegrenzten 10er-Lounge einen sechzigsten Geburtstag feiert.

Mit melancholisch-seufzenden Backgroundchören, der nach mehr verlangenden Stimme von Vincent und der euphorischen Klaviermelodie, die immer weiter läuft und niemals anhalten will sorgen Provinz für Standing Ovations und schließlich auch – endlich – für tanzende Füße, kribbelnde Hände und im Takt wippende Köpfe. Der beim Tanzen im Stehen obligatorische Mundschutz sorgt für Sicherheit, schafft es aber nicht, das breite Grinsen in den Gesichtern gänzlich zu verstecken. Die sanften Falten um und das Strahlen in den Augen verraten sie.

Einer von den älteren Songs setzt ein, der auf den Namen „Neonlicht“ hört und sich ganz anders anfühlt, als der Rest. Die liebevoll gespielten Gitarrenakkorde laden ein zum Kopfkino, versetzen in die dunkle, einsame Nacht und stillen durstige Sehnsüchte. Auch wenn der Song nicht leise ist, ist er zurückgezogen und flehend, zerbrechlich wie blaue Schmetterlingsflügel und wachsam durch die im Hintergrund sich langsam aufbauenden Klavierklänge. Der Song ist Lärm, aber dann doch wieder Stille, vollkommene Finsternis, aber das grelle Spiegeln der Straßenlaternen auf dem viel zu hell aufleuchtenden Handydisplay. Das nach dem Einschalten vor lauter Benachrichtigungen vibriert, aus der Welt reißt und verlockend in Wunschvorstellungen entführen will. Aber hier – hier, im Westfalenpark in Dortmund, genau hier, wird das Entführen in die digitale Welt nicht leicht. Hier bleiben schwere Körper an ihrem Platz, lediglich der Kopf wird mit jedem leisen Song in nebelverzierte Wolken gesteckt und mit jedem lauten Song in tiefblaues Wasser getaucht.

Irgendwann übernimmt das Schlagzeug und leitet über in eine Bridge, die ihr Herz offen mit sich herumträgt. Und ich fühle, wie es schlägt. Fühle, wie die vier Musiker auf der Bühne es zum Pochen bringen, zum Explodieren. Ein unbändiger Stromfluss prasselt auf es ein, elektrisiert es und erst, als die Backgroundchöre lauter werden, wird es losgelassen.
Unbändig, wild – und vor allem frei. Grenzenlos frei. Ohne Wenn und Aber, ohne Rahmen. Bedingungslos frei. Und im nächsten Moment wird es brutal wieder eingefangen und zurück in den goldenen Käfig der Gesellschaft gequetscht.

Ein Glück, dass Provinz es mit den glänzenden Gittern nicht alleine lässt. An diesem Samstagabend darf das Herz frei sein. Darf mit lauter Beats im Blut leben, vergessen, fühlen. Das Denken abschalten und zulassen, statt immer nur zu unterdrücken.
Impulsiv, laut und kraftvoll wird die Freiheit aus „Neonlicht“ in purer Energie in dem sich anschließenden Song „Tanz für mich“ entladen. Sprüht nur so vor Euphorie und dem Drang, neue Abenteuer zu erleben. Egal, wohin die Reise gehen wird. Der Song kommt trotzdem an. Irgendwann, irgendwo. Ob auf dem Beifahrersitz des alten Fiats, Augen geschlossen und unter den Händen der Bass der Lieblingsplatte dröhnend, oder gefangen im Zwiespalt der Dunkelheit zwischen Sorgen, Zweifeln und Alltagsschwermut. Trotz alledem blitzt sie immer wieder auf, die Hoffnung. Schlängelt sich durch leblose Gesichter und durch die Stadt geisternde Erinnerungen. Tanzt laut im Regen und wartet anschließend geduldig am Ende des Regenbogens.

Ich weiß auch nicht ganz genau, wie Provinz das schaffen, aber bei „Du wirst schon sehen“ ist die Welt plötzlich still. Hört kurz auf zu atmen, um zuzuhören, um wahrzunehmen, um aufmerksam wieder einzuatmen. Das Lied treibt schnell vorwärts, prescht über alle Hindernisse, die ihm im Weg liegen und macht erst Halt, als die Instrumente kurz verstummen und sich dafür die Stimmen der Band umso lauter erheben.

„Du wirst schon sehen, Schatz. Irgendwann wirst du sehen, was ich immer schon gesehen hab‘. Gib mir ein bisschen Zeit, gib mir dieses Lied und ich kaufe dir die Welt, Schatz.“

Der Song schmiegt sich wie angegossen in die herbstliche Atmosphäre, als es immer kühler wird und die Bühne kontrastreich zum dunkler werdenden Himmel immer stärker strahlt.
Wirkt wie die warme, kuschelige Decke, die sich ganz tief im Schrank versteckt hat und die ich gerne mitgenommen hätte. Die sich mischenden Stimmen der Band, während die Blätter langsam von den Bäumen fallen, will ich jedoch für keine Decke der Welt eintauschen. Das Laub rauscht, die Spannung knistert und die Luft will die hoffnungsschenkenden Zeilen nie wieder loslassen. Vor uns packt man sich in dicke Jacken ein und genießt die eigens für die kalten Stühle mitgebrachten flauschigen Kissen.

Und währenddessen nimmt sich Vincent kurz Zeit, um die Band vorzustellen („Wir sind drei Cousins… Und Leon. Sorry, den Joke mache ich immer“) und um den nächsten Song anzukündigen, der „In meinem Zimmer“ heißt und in der Isolation entstanden ist. Die Tür öffnet sich bunt zum Refrain, der erfrischend tanzbar ist und sich mit der Zeile „Und du färbst deine blonden Haare blau“ ins Gedächtnis brennt. Das Zimmer liegt einsam da, erst als Provinz eintreten, wird es mit Leben gefüllt. Und während die Band im blauen Licht untergeht, wird der Refrain unerwartet noch einmal wiederholt und dreht sich mit aufgedrehten Gemütern im Kreis. Will endlich raus aus dem engen Zimmer, endlich was erleben, vor Freude weinen und kriegt die Chance dazu in „Diego Maradona“.

Gefühlsbetrunken purzelt der Song in die Menge, taumelt atemlos zwischen ansteckendem Lächeln und der warmen Melodie und versucht, abzuheben. So hoch zu fliegen wie Diego Maradona, das eigene Leben für ein paar Minuten abzugeben und für endlose Sonnenuntergänge, laute Motoren und helles Gelächter einzutauschen. Für immer frei zu sein, leicht, schwerelos. Frei von Verantwortung, Steuererklärungen und gebrochenen Herzen. Aber trotzdem gehört der Kummer doch irgendwie zu jeder Freude, so schwierig es auch ist, sich das einzugestehen.

Und während die Backgroundchöre in „Du wirst schon sehen“ sehnsuchtsvoll und verloren anmaßen, sind sie in „Diego Maradona“ euphorisch und in eine große Portion Mut getaucht. Anfangs mochte ich die Single nicht, gerade wegen dem eine Spur zu euphorischem Refrain, der den Namen eines Stars wiederholt, den ich nicht kenne. Aber live kommt die Dynamik an. Fließt voller Kraft in die einzelnen Körper. Will den Geist nicht mehr loslassen, verfolgt ihn als Ohrwurm und verstummt nicht einmal, als Vincent den nächsten Song ankündigt – beziehungsweise ankündigen will.

Seine Stimme geht unter in dem Aufschrei „Provinz, ich will ein Kind von dir“, gibt die Ansage zum Leben in der Provinz, Geschichten im Fiat 500 und nicht vielen, aber engen Freunden auf und setzt wenige Atemzüge später zu „Augen sind rot“ wieder ein. Der Wechsel im Set zwischen Laut und Leise, zwischen Dynamik und Sehnsucht, zwischen sich verlieren und verloren gehen wirkt und sorgt dafür, dass die Fans immer wieder überrascht werden. Es fehlt noch eine überwältigende Lichtshow, die jedes Mal, wenn Vincent die Highnotes erreicht, auf strahlen müsste. Vielleicht in zwei Jahren, wenn Provinz große Hallen füllen. Bis dahin reicht jedoch auch das baue Licht, das mit den anderen Farben spielt und mit dem Nebel tanzt.

Inmitten von im Takt klatschenden Händen und liebevoll glitzernden Augen reparieren Provinz den Flickenteppich aus Nostalgie und Sehnsucht, füllen das durch den fehlenden Festivalsommer entstandene Loch und nehmen mit großer Freude wahr, dass Live-Musik doch nicht der Vergangenheit angehört. Nach bereits bekannten Songs wie „Chaos“ und „Nur bei dir“ erblickt der unveröffentlichte Song „Ich will dich wiedersehen“ das Abendlicht. Hüllt den Platz in andächtige Stille und zaubert kleine Feuerwerke der Vorfreude in der Bauch.

Vincents Stimme bricht, als der Nebel die Sterne verschluckt und der Bass davonrennt. Der Song lässt erkennen, in welche Richtung Provinz gehen wollen und wird schließlich von „Was uns high macht“ abgelöst. Vielleicht der Song, durch den Provinz bekannt geworden sind. Auf jeden Fall der Song, bei dem Fans atemlos aufspringen und sich in dem Flackern der Lichter und den ekstatisch gespielten Instrumenten verlieren. Einer meiner Lieblinge live. Ich träume von engen Freunden, von leer stehenden Bahnhöfen und einem Einkaufswagenwettrennen im Getränkelager.

Ein paar Stunden später, mit denselben engen Freunden, nur die Kulisse ist eine andere. Spärlich erleuchtete Felder und angetrunkene Stimmen, hinter der nächsten Weggabelung passt der Einkaufswagen auf die Getränke und unzähligen Packungen Chips auf. Die Musik so laut, dass sie noch mehrere Kilometer weit entfernt zu hören ist, dröhnt im Gehirn und benebelt die Sinne. Es folgt noch „Wir bauten uns Amerika“, bevor die Band unter lautem Applaus die Bühne verlässt. Der Abend verging wie im Flug, als die ersten „Zugabe“-Rufe lauter werden und schließlich in einen großen Chor münden. Überraschenderweise steht nur Vincent auf der Bühne, als der nächste Song einsetzt.

Seine Hände auf dem Klavier. Seine Stimme in den Sternen. Sanfte Akkorde, Tränen in den Augen und ein weißer Lichtstrahl, der ihn fast verschluckt. Der Song wird sich vielleicht irgendwann „Weit weg“ nennen und hüllt Liebe trotz Distanz in einen Mantel aus Enttäuschung und Trennungsschmerz. Die goldene Farbe blättert vom Schloss, das zwei verschnörkelten Initialen enthält und ein Datum, das wie aus einer anderen Zeit zu stammen scheint.

„Warum regnet es bei dir, wenn bei mir die Sonne scheint?“

Die Stimme von Vincent verfängt sich in den Baumkronen, dürstet nach Liebe und danach, keine Lieder mehr über Sehnsucht und Schmerz schreiben zu müssen. Auch, wenn ihr das verdammt gut steht. Feuerzeuge verbrennen die Luft, Knicklichter wollen heller leuchten als die Funken in den Augen, als der Song zum Ende kommt und die Welt für eine Millisekunde das Atmen verlernt hat. Einen tiefen Atemzug später stimmt die Band „Wenn die
Party vorbei ist“
an, das irgendwie für den Moment einen Hauch zu laut ist. Das Herz hat sich immer noch nicht von der Schwermut des letzten Songs erholt.

Ist erst wieder mit ganzer Kraft dabei, als Vincent kurz grinst und mit „Ich habe noch eine Frage -Reicht euch das?“ in Sekundenschnelle den Platz mit Jubel füllt. Die Diskokugel strahlt gleißend hell, fächert ihre Strahlen und dreht sich flackernd. Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, seitdem der Song veröffentlicht wurde, so vertraut ist er mir. Das Schlagzeug pocht dumpf und die Kehle verzehrt sich bei der Anstrengung, den Zuschauerplatz mit lautem Gesang zu füllen. Die Hände an der Brust, die sich voller Zuneigung hebt und senkt. Die Augen geschlossen und das Herz geöffnet, um den Moment nie wieder gehen zu lassen. Er droht, aus der Armen zu gleiten. Mit dem nächsten Refrain vorbei zu sein. Doch bis es so weit ist, brennt der letzte Zug so wie immer und das Herz so, als wäre soeben ein Feuerwerk explodiert.

Fotos: (c) Mihanta Fiedrich. Vielen Dank an das Juicy Beats Festval für die wunderbare Möglichkeit!

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