Auf hohen Bergen tanzend und in tiefe Abgründe fallend

Wenn man Melancholie einfangen und in Frequenzen verpacken will, würde dabei vermutlich ein Sound entstehen, der genau so klingt wie die dritte Single „Pictures“ des schottischen Singer/Songwriters Christy. So verträumt, so nachdenklich und so gebrochen. Die Federn des Traumfängers schweben durch den Raum, erzeugen eine leise Melodie, wenn die Augen geschlossen sind. Werden in Bewegung versetzt durch einen kühlen Windzug, der durch das offene Fenster das dunkle Zimmer mit Leben füllt. Die Tür ist geschlossen, weil in diesem Zimmer so viele Momente eingefangen sind, die beim Öffnen der Tür nichts als Schmerz und Nostalgie hinterlassen. Warme, kalte und vor allem lebendige Erinnerungen, die mit zerbrechlichen Flügeln durch den Raum flattern und langsam drohen, zu verblassen.

Das, was einmal das Zimmer mit Leben gefüllt hat, wird nie wieder so sein. Und diese Erkenntnis schmerzt, sticht kleine Messer in das in Sehnsucht ertränkte Herz und wird begleitet von den sanft gespielten Klavierklängen. Die so aufgenommen wurden, dass man jedes Aufdrücken spürt und die kleinen Verzierungen, die das Filz hinterlässt. In meiner Vorstellung ist es rot und so alt, dass die goldene Inschrift ihre Farbe verliert. Ist sicherer Hafen und Trost gleichzeitig, lässt den Kopf weit weg in den Wolken versinken und verbannt die trostlosen Erinnerungen, die gefüllt sind mit unzähligen Fragen und leer gelassenen Antworten.

„Oh my mind will always be / Where you go / When it’s cold / You’ll be the light I follow / I don’t know you anymore / Hope you still believe in me“

Christy singt darüber, immer noch an einer Person zu hängen, obwohl die gemeinsamen Tage längst der Vergangenheit angehören. Obwohl die gemeinsamen Träume geplatzt und an den rostigen Nagel gehängt sind. Aber trotzdem will der Song nicht loslassen. Will die gemeinsame Vergangenheit nicht wegschmeißen, auch wenn die Zukunft ihr so fremd ist. Wünscht mit ganzem Herzen, dass trotzdem alles gut werden wird und die Person, die einst die Sterne zum Leuchten gebracht hat, ihr Glück findet. „Pictures“ ist kein Song, der dem Partner den Teufel an den Hals wünscht und in ihm die Schuld sucht, warum das eigene Leben den Bach herunterrennt. Viel mehr hängt er mit seiner auf hohen Bergen tanzenden Kopfstimme fein säuberlich alte Momente voller Glück und Zuversicht in dem verlassenen Zimmer auf und zündet eine Kerze an, deren Flamme sich langsam durch rotes Wachs frisst.

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