Aus dem WLAN, aus dem Sinn

Mit einem aufploppenden Benachrichtigungston steht die Single „Mehr Als Nur Ein Like“ in den Startlöchern und entführt an der Seite von Amy Wald in eine Welt, in der alles glänzt und strahlt. Mit der verspielten Melodie im Rücken und den launischen Keys an der Seite reflektiert Amy den Internetkonsum und allen voran die Abhängigkeit von sozialer Zustimmung. Durch die Gefällt mir Funktion auf Instagram, den Daumen nach oben auf Facebook oder den Retweet Button auf Twitter wurden die Netzwerke erst richtig sozial und schaffen es seitdem, Nutzer:innen digitale Anerkennung vorzugaukeln. Das Gefährliche daran – man weiß nie, wie sehr es der Person am anderen Ende des Bildschirms wirklich gefallen wird. Ob sie den Post beim runterscrollen zufällig mit einem Like versieht oder ob sie Minuten damit verbringt, auf den Post zu schauen und das Like wirklich so ernsthaft zu meinen wie das Herz, das sich mit roter Farbe füllt.

„Aus dem Wlan aus dem Sinn, also bleib ich lieber drin / Social Media Welt, meine morning routine“

Mit einer für das schwer im Magen liegende Thema über den Wolken schwebenden Leichtigkeit reflektiert Amy Wald das sich verlieren und untergehen in der digitalen Welt, die keine Grenzen kennt und in der hinter jeder Ecke neue Abenteuer warten. Die sich als der beste Freund ausgibt und das Herz für ein paar Stunden ohne Wenn und Aber gefangen nimmt, bevor man durch den klagenden Akku wieder brutal in die Realität gerissen wird und die digitale Welt sich schließlich als die teuflische Versuchung entpuppt, von der man nicht mehr wegkommt. Denn sind wir mal ehrlich – jeder kennt im mehr oder weniger kleinen Ausmaß die Probleme, die der Song anreißt. Das nicht loskommen vom Bildschirm, das erleichtert in die Kissen fallen lassen und dabei das Gehirn aus- und das Handy anschalten und das Gefühl von Leere, sobald man das Handy nicht mehr in der Hosentasche spürt. Das Aktualisieren des Newsfeeds jede Sekunde, sobald man auch nur kurz Wartezeit überbrücken muss oder aus einer unangenehmen Situation entkommen will und die Ungeduld mit der man eine riskante Nachricht erwartet.

Amy Wald zeigt mit euphorischen Gehversuchen, dass die digitale Welt gar nicht alles ist, was uns das Leben zu vermitteln hat. Auch, wenn wir im Internet den roten Teppich ausgerollt bekommen und für ein paar Stunden vom Blitzlichtgewitter der eingehenden Benachrichtigungen überschwemmt werden. Viel mehr zählen die kleinen Dinge. Wie das Schlagzeug, das sich kurz vor jedem Refrain Zeit nimmt, um auszubrechen und dann wieder in den Rhythmus des Alltags zurückzufallen. Wie kleine, ehrlich gemeinte Komplimente von fremden Leuten, die ein wohliges Gefühl im Bauch hinterlassen und Libellen tanzen lassen. Die Leichtigkeit mischt sich mit den freudigen Hintergrundchören, die vielleicht genau das vermitteln wollen. Die Likes, Kommentare und DMs auf die leichte Schulter nehmen und stattdessen in mehr Farben denken als in denen, die der Handybildschirm zu bieten hat. Die über das kleine Format schillernd hinaus explodieren und Liebe im Detail offenbaren.

Zwischen Lifestyle und Algorithmen schwebt die Stimme der Österreicherin, die ihre Leidenschaft für die Musik mit 16 Jahren in England entdeckte und seitdem mit einer lautstark pochenden Melodie im Blut ihren ganz eigenen Weg durch das Leben tanzt. Auf „Liebesleben“ beispielsweise funkt sie zwischen den Zeilen und singt sich Zweifel und Zuversicht von der Seele. Die Leichtigkeit erinnert an die neuste Single, die im Vergleich gereifter und geerdeter klingt. „Einfach nur verwirrt“ scheint Amy Wald nicht mehr länger zu sein – „Einfach nur lebendig“ würde ihre jetzige Beziehung zum Leben wohl eher treffen. Reflektiert, weltoffen und mit gehissten Segeln wagemutig gen Zukunft.

„Die Welt ist so viel mehr als nur ein Like / Doch Herzen fliegen online kilometerweit / Ich swipe und ich scrolle in die Ewigkeit / Oh Baby bitte schenk mir doch ein Like“

Aber machen wir uns nichts vor – hinter den ganzen Hashtags zum #DigitalDetox verstecken sich auch neue Perspektiven und Möglichkeiten, die das Internet bietet. Die sekundenschnelle Vernetzung und ortsunabhängige Erreichbarkeit, die das Leben so viel leichter macht. Die das Denken verändert, die dafür sorgt, dass Freundschaften über lange Distanzen entstehen und wachsen können und dass man Menschen überall dort erreichen kann, wo aufmerksam zugehört wird. Trotz der unheimlich langen Screentime versteckt sich hinter jeder Interaktion ein kleines Lächeln oder ein schwebender Gedankengang, der das eigene Leben voran- oder kurz zum Stillstehen bringt.

Beitragsbild: Amy Wald (c) Valentina Vale

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