Sensibilität inmitten zerbrochener Sehnsüchte

Der Herbst ist angebrochen. Eine warme Kerze erhellt die dunklen Schatten unter den Augen, taucht das kleine Zimmer in ein wohliges Licht. Aus den auf volle Lautstärke aufgedrehten Kopfhörern klingt der Track „Bis zum Deich“, während Gefühle in eine warme Decke eingekuschelt werden und der Geruch von Holunder-Kirsch-Tee in die verschnupfte Nase zieht. Die Erinnerungen schweben zurück an den letzten gemeinsamen Moment mit einer Person, die inzwischen wohlbehütet über den Köpfen wacht und wehleidig an nie wahrgenommene Chancen denkt.

Bilder der schon veröffentlichten Version des Songs schwirren durch den Kopf, die ohne das Akustik-Gewand auf einmal ein Stück zu laut erscheinen. Auf der EP „Bei den Hunden“ (VÖ: 30.10.2020 via Uncle M Music) haben Hi! Spencer fünf ihrer Songs noch einmal genau unter die Lupe genommen, sie aus ihrem Punk-rockigen Mantel befreit und sie stattdessen in ein warmes Akustik-Gewand gehüllt. Das Original „Richtung Norden“ erschien erstmals 2017 und scheint seine Reise in der Neuinterpretation zu reflektieren.

Die über die Felle wirbelnden Sticks fehlen wie auch die atmosphärischen Riffs und die dröhnenden Basslines. Wurden ersetzt durch warme Gitarrenklänge und federnde Klaviertöne, runtergebrochen auf pure Emotionen ohne laute Spannung oder energiegeladene Refrains. Der wertvolle letzte gemeinsame Moment wird eingefangen, während draußen vor dem Fenster die Windböen ihre Bahnen ziehen und Gehwege durch buntes Laub durcheinander bringen.

Vielleicht ist das hier eine kleine Verschnaufpause auf einem Abenteuer, das die fünf Musiker der Indie-Punk-Band immer weiter vorantreibt. Da kommt die Akustik-EP ganz gelegen – und fühlt sich an wie ein zurückbesinnen auf alte Tage, an denen noch ganze Seen mit Eis überzogen und die Herzen noch leicht waren. Jahre später sind sie gefüllt mit lauten Erinnerungen, unzähligen Konzerten und innigen Momenten der Dankbarkeit.

Die Fensterscheibe beschlägt während der nächsten Songs, die die bedeutungsschweren Titel „Wenn dein Kopf auftaut“, „Grau in Burgund“ und „Die Band, die du so hasst“ mit sich tragen. Ein Wort im Titel reicht nicht mehr länger, um das Gefühl der Songs zu beschreiben. Um auf die Ehrlichkeit aufmerksam zu machen, die durch den Minimalismus in den Instrumenten noch stärker zum Vorschein kommt. Die Songs wollen nicht ins Radio. Sie wollen gefühlt werden. Mit Gänsehaut auf den Armen und Kribbeln im Bauch, mit Zucken der Zehen und Gedankenschwere im Kopf.

Der Song „Bei den Hunden“ beendet die EP und weckt den Geist noch ein letztes Mal auf. Ursprünglich auf dem Debüt-Album „Weiteratmen“ aus 2015 erschienen, überwindet er reduziert auf leise Klänge und die gewohnt starke Stimme von Sänger Sven Bensmann starke Mauern, die im Laufe der Zeit um das eigene Herz aufgebaut wurden. Was bleibt sind Trümmer. Zerbrochene Spiegel inmitten der Selbsterkenntnis, Splitter des letzten Mental Breakdowns und in der letzten Ecke verstaubte Marmeladenglasmomente.

„Bei den Hunden“ ist wie ein langer Herbstspaziergang durch knirschendes Laub, wie der warme Kamin beim nach Hause kommen und wie der kurze, kritische Blick in den Badezimmerspiegel. Der kurze, kritische Blick in ehrliche Emotionen und die Frage danach, ob man jemals gut genug sein wird. Gut genug für sich selbst, aber vor allem für die Welt – ausgedrückt in der Zeile „Ich hab‘ geschlafen bei den Hunden, weil du mich für einen hältst“.

Für Hi! Spencer hat diese tief im Magen liegende Metapher durch die Zusammenarbeit mit der Organisation „Pfand gehört daneben“, aber auch durch das Ohnmachtsgefühl an dem Tag, an dem das Flüchtlingslager Moria brannte und mit ihm tausende Träume und Existenzen, eine ganz neue Bedeutung zugeschrieben bekommen. Warum finden die Flüchtlinge nur in Moria Schutz, am Rand der Gesellschaft, inmitten von schreienden Kindern, deren Ängste von Terror und überfüllten Booten auf dem Mittelmeer erzählen? Warum lassen wir zu, dass sich Träume in Albträume verwandeln?

Die Antwort dafür haben Hi! Spencer nicht. Aber sie wollen ebenso wenig tatenlos zuschauen und zumindest einen kleinen Funken Hoffnung zünden in einem Meer aus Tränen und Enttäuschung. Mit dem Erwerb der CD konnte gleichzeitig für die zivile Seenotrettung der Organisation „Seebrücke“ gespendet werden, um der Perspektivlosigkeit der Geflüchteten entgegenzuwirken und dafür zu sorgen, dass ihre letzte Umarmung nicht eine herzlose Welle des Mittelmeers sein wird.

„Hören wir die Zeile jetzt, sehen wir darin Menschen, für die der Satz keine Metapher, sondern vielmehr Realität ist. Mit unserer EP Aufmerksamkeit, Bewusstsein und Sensibilität für diese Menschen herstellen zu können – das wäre großartig.“

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