Wenn sich der Sturm zusammenbraut

Deutschunterricht, irgendwann in der elften oder zwölften Klasse – der ein oder andere wird an Kafkas „Die Verwandlung“ bestimmt nicht vorbeigekommen sein. Ich gehöre dazu und so musste ich mitten im Song „Gregor wohnt jetzt hier“, der eigentlich von dem Gegenspieler im eigenen Kopf handelt, an das dunkle Ungeziefer mit dem langsam faulenden Apfel im Rücken denken, der als Opfer der durch die Industrialisierung vorangetriebenen Entmenschlichung seinem langsamen, grauenhaften Tod ins Auge blicken muss.

Aber glücklicherweise sind wir hier nicht im Deutschunterricht und so fällt direkt die Spannung auf, mit der der Song sich aufbaut. Dabei immerzu untermalt von der melancholischen Stimme von Christof Langner, hinter dem die Band „Der Luger“ steckt. Die Tristesse mischt sich mit den dunklen Klängen der Schatten einer langen Nacht. Aber auch mit einer großen Ladung Energie, die direkt aus dem Blitzableiter zu strömen scheint und den anfänglich so ruhigen Song in Flammen setzt.

Die Gitarrenakkorde klingen harmlos, Christofs Stimme wirkt wie die eines Geschichtenerzählers und die Melodie kippelt bedächtig im Schaukelstuhl. Die Absurdität des Songs wird mit dem Auftauchen von „Gregor“ untermalt, der sich als farbenverschlingendes Monster entpuppt. Der Fantasie, Freude und Frieden mit Hass, Härte und Hohn zunichtemacht. Funkstille im Herzen als Resultat.

„Gregor“ verkörpert inneren Kampf, den Streit zwischen Engel auf der linken und Teufel auf der rechten Schulter und die verdunkelnde Sonnenbrille, die den Tunnelblick auf Spinnweben voller erschütternder Erinnerungen und enttäuschender Entscheidungen lenkt. Er bringt den Song aus dem Konzept, schafft Unruhe, wo Ruhe sein könnte und entzündet grelle Raketen, wenn gerade alles wieder gut zu werden scheint. In welchem Kopf auch immer Gregor das Zepter in die Hand genommen hat – er hinterlässt Chaos und brennende Gefühle. Und das alles ausgedrückt in einem Song, der lediglich durch ein paar Gitarrenakkorde begleitet wird, aber trotzdem mit einer unglaublichen Stärke den inneren Kampf widerspiegeln vermag.

Am Rande shuffelt der Spotify Algorithmus mir den Track „Was fehlt“ der Band in die Warteschlange, von dem sich viele Bands musikalisch gerne drei bis vier Scheiben abschneiden können – genau wie „Gregor wohnt jetzt hier“ leiten ruhige Klänge ein, bis die Luft wie vor einem bevorstehenden Sturm knistert, der sich schließlich im Refrain zwischen lauten Gitarrenriffs und einer tobenden Stimme entlädt. Da gibt es nichts mehr glattzubügeln, es lohnt sich nicht mehr, in der Ecke nach Überresten zu suchen – „Was fehlt“ reißt Fassaden ein und nimmt mit auf eine Reise, die in knapp vier Minuten kaum facettenreicher sein könnte, ohne dabei überladen zu wirken. Fährt ein riesiges Geschütz mit den verschiedensten Spannungskatalysatoren auf. Eine filmreife Achterbahnfahrt zwischen beruhigenden Melancholie-Melodien und in die Tiefe rasenden, plötzlich aufbrüllenden Kraft-Klängen.

Beitragsbild: Christian Stein

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