Weil es nie genug sein kann.

Achtzehn lange Monate ist es her, seitdem das letzte Mal vor meinen Augen Michis Drumsticks durch die Luft gewirbelt sind und Mario sein Herz durch die Lautsprecher gesungen hat. Seitdem stand die Welt mehr oder weniger still und ohne, dass ich es gemerkt habe, mein Herz mit ihr. Das Herz, das bei den ersten, dröhnenden Klängen euphorisch angefangen hat, schneller zu pochen und mit den letzten drohte, auszubrechen und auf dem Boden in tausend Teile zu zersplittern. Das Herz, das sich in den neunzig Minuten dazwischen erst eingestehen kann, dass die achtzehn, langen Monate einem entbehrenden Entzug geglichen haben. Und dass gleichzeitig diese kurze Zeitspanne wieder so süchtig machen kann – nach dem Gefühl von grenzenloser Freiheit und nach einem kleinen bisschen Zuhause in den Armen von guten Freunden und zwischen den Rhythmen der Herzensband.

Ungewohnter denn je trennen Sicherheitsabstand und rot angestrichene Bierbänke Publikum wie auch Band voneinander, lächelnd verzieren vereinzelt bunte Blumen die Tische und hoffnungsvolle Mundwinkel die Gesichter unter den zur Gewohnheit gewordenen Masken. Die Songs verschwimmen vor meinen Augen, fliegen schneller vorbei, als ich zu blinzeln wage und stauen sich zusammen zu lauten Gefühlen. Zwischen den ehrlichen Zeilen immer wieder lange, lange melodische Einschnitte ohne Unterbrechung. Nahtlose Übergänge zwischen den Songs und eine Band, die sich in der Kunst genrebefreiter Musik und in sich selbst verliert. Kaum eine Sekunde vergeht ohne leidenschaftserfüllte Bewegungen, kein Klang vergeht ohne das hinreißende Grinsen, das sich über den Platz ausbreitet. Im Hintergrund der schwarze Schriftzug und der blau gefärbte Himmel, über den langsame Wolken wandern. Auf der Bühne rote Rosen, die zwischen Effektpedalen, Mikrofonständern und Lautsprechern stolz ihren Platz gefunden haben und verstohlen an lange Nächte, tiefgründige Gespräche und verschwitze Umarmungen erinnern. Immer wieder bleiben Menschen neben dem Einlass stehen, angelockt von lauter Musik und leiser Sehnsucht. Sehnsucht danach, endlich wieder zu fühlen – sich endlich wieder aus dem Alltagstrott zu befreien und neue Abenteuer zu erleben. Auf der Suche, schon das ganze Leben lang. Auf der Suche, nach Sekundenglück, nach magischen Momenten, die mehr als drei Sekunden andauern und danach, sich fallen zu lassen. Menschen bleiben stehen, mal mit einem verstohlenen Lächeln auf den Lippen, mit kleinen Kindern auf den Schultern und zu „Fireman“ auch mit Tränenfilmen auf den Wangen.

Neunzig Minuten, die doch bitte für immer anhalten sollen, während der Geruch von frischen Pommes sich mit euphorischem Schweiß vermischt und der Boden unter schweren Schuhen und leichter Lebendigkeit unaufhörlich bebt. Im Rahmen des erlaubten prallen Körper in zaghaften Moshpits aufeinander, treffen sich leuchtende Augen und öffnen sich ausgetrocknete Münder, süchtig nach der Melodie auf den Lippen. Gänsehautbesetze Arme weiten sich und lassen all das zu, was ihnen in den letzten Monaten vorenthalten wurde. Zentnerschwere Herzen erheben sich und lassen all das frei, was sich in den letzten Monaten anstauen musste. Es geht nicht nur um die Musik, nein – Blackout Problems Konzerte sind doch so viel mehr. So viel Lebensenergie, so viel echte Begeisterung, so viel Herzschmerz, dass es kaum möglich zu sein scheint, diese Unmenge an Gefühlschaos in diesen kleinen Zeitslot in den kleinen Lattenplatz neben dem Hamburger Knust zu quetschen. Das Chaos will ausbrechen, will gehört werden und will frei sein – will weit über die Köpfe von denen hinaus, die es sich auf der Tribüne außerhalb des Veranstaltungsgeländes mit bunt bemalten Skateboards und geöffneten Bierflaschen gemütlich gemacht haben und will mit den vorbeiziehenden Vögeln davonfliegen. Dann, „How Should I Know“, und alle Emotionen werden für einen kurzen Moment eingefangen und mit einer gewaltigen Kraft unmittelbar vor der Bühne freigesetzt. Das hier wird nicht das Ende sein. Das war es noch nie. Weil es nie genug sein kann.

„Come on and push me right over the edge, I ran out of things to believe in.“

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