Tanzende Stimmung statt eingestaubtem Schablonendenken

23.07.2021, Park der Gärten, Bad Zwischenahn. Kurz vor acht. Auf den Stehtischen liegen Zettel zur Kontaktnachverfolgung, die negativen Testergebnisse wurden nach der Kontrolle sicher wieder verstaut. Die Dunkelheit nimmt den Himmel langsam in Beschlag, als die ersten Töne aus den Lautsprechern dringen. Die fröhlichen Unterhaltungen verebben langsam und mit ihrem Verschwinden wird die Bühne in buntes Licht getaucht, während diese nach und nach von „Remode“ betreten wird. Applaudierend reckt das Publikum die Hälse nach den fünf Musikern, die heute als Coverband von „Depeche Mode“ auftreten werden. Mit ihnen intensivieren sich die Klänge, bis zumindest vier Musiker ihre Positionen eingenommen haben. Der Sänger lässt auf sich warten, der Applaus wird nahezu ungeduldig, und schließlich steigt er in das erste Cover von „Black Celebration“ ein, mit einer Stimme, die in denselben Tiefen und Höhen wandert wie die des Depeche Mode Sängers Dave Gahan. Selbst in Kleidung und Makeup kann ihm Gahan kaum was vormachen – vom schwarzen Lidstrich über die schwarze Weste und die tattooverzierten Arme weiß Dan Yell, Sänger der angesagtesten Depeche Mode Coverband Deutschlands, wie er sich in Schale zu werfen hat.

2006 ohne Zukunftsgedanken als Fan-Projekt entstanden, füllt Remode eine Bühne nach der anderen und taucht das sehnsuchtsvoll wartende Publikum in eine Show, der ab der ersten Sekunde weder Energie noch Leidenschaft fehlt. Momente voll anerkennendem Applaus schwellen an und bahnen sich ihren Weg bis hin zur Bühne und durch den inzwischen menschenleeren Park – den wo sollte man denn gerade sonst sein wollen, als bei einem Konzert, das es schafft, sowohl alt als auch jung aus der Reserve zu locken. Zaghaft und schüchtern angefangen, finden die Hände zwischen den Songs immer öfter zueinander und zu „Strangelove“ überwinden sich schließlich die ersten, die sichere Gemütlichkeit der Stühle zu verlassen und den Körper stimmungsvoll zu den eingängigen Synthesizerklängen zu bewegen. Zwei Reihen vor mir finden Mutter und Tochter, beide ganz in Schwarz, zueinander und liegen sich in den Armen, während der Vater aufrecht mit dem Fuß wippend gebannt gen Bühne schaut; durch das schwarze Leder seiner Jacke zeichnen sich im Takt seine Schulterblätter ab.

Dass das Konzert eher die ältere Generation anlockt, war von vornherein klar und wird noch deutlicher, als sich die Anwesenden immer wieder zwischen den Songs hinsetzen, um eine kleine Verschnaufpause einzulegen und um anschließend zu entscheiden, ob der nächste Song es wert ist, im Stehen verbracht zu werden. Dass das Konzert trotzdem die geballte Ladung an Stimmung und Euphorie transportieren kann, die ich gewohnt bin, überrascht mich daher umso mehr und immer wieder erwische ich meine Mundwinkel beim Grinsen, wenn die Dame mit den weißen Haaren in der Reihe vor mir ausgelassen mit ihrem Gehstock in den Boden stampft und (vollkommen neben dem Takt) mit den Hüften wippt.

Während die Sticks durch die Lüfte fliegen und die markanten Synthieklänge mit sich reißen, taucht das Publikum im Scheinwerferlicht unter und mit geschlossenen Augen vergesse ich für einen Moment, dass gar nicht Depeche Mode auf der Bühne stehen. Zwischen Wimpernschlägen und Basslinien verliere ich mich im Refrain von „People are people“, der täuschend echt unter dem weiß gespannten Pavillon ertönt. Ein Blinzeln, und der kurze Moment Illusion ist vorbei. Aber die Realität könnte wohl kaum schöner sein, während das Publikum langsam aus der auferlegten Apathie erwacht und müde Glieder sich endlich wieder im Takt der Musik bewegen können. Auch die deutschen Ansagen passen nicht mehr in die Illusion, erschaffen dafür aber eine Welt, in der die Musiker dem Publikum näher sind, als es Depeche Mode je sein würden. Das erleichterte Grinsen nach den vielen Monaten Existenzangst könnte wohl nicht authentischer sein und auch die Art, mit der Dan Yell den Mikrofonständer durch die Lüfte schwingt und seinen Körper erzittern lässt wirkt in keinem Augenblick aufgesetzt. Es mag sich zwar um eine Coverband handeln, aber um eine, die statt abzupausen ein neues Konzept überlegt hat und Charakter in Songs fließen lässt, anstatt sie in den bereits vertonten und aufgeführten Versionen verstauben zu lassen. Um eine, die die einzelnen Refrains nicht mit Samthandschuhen anfasst, sondern ihnen oftmals sogar noch ihre eigene Note durch gedankenverlorene Bridges auftischt. Und das tut verdammt gut.

Nach einer gefühlsduseligen Ewigkeit stellt Dan Yell die Bandmitglieder vor – Michael Antony Austin am Keyboard und am Mikrofon, Johannes Makowski als Gitarrist und gelegentlich auch als Sänger, am Bass Slick Prolidol und hinter den Trommeln Vic Chains. Jeder einzelne liefert noch eine kleine Performance ab, bis die Band schließlich die Bühne verlässt und Raum für tosenden Applaus lässt. Doch selbst nach einer Stunde Spielzeit soll der mitreißende Auftritt noch nicht zu Ende sein und so betritt als erstes Austin wieder die Bühne, um sich eingehüllt von blau angestrahltem Nebel hinter den Tasten niederzulassen und eine sehr gefühlvolle Version von „Somebody“ anzustimmen. Taschenlampenlichter erleuchten die gebannte Stille im Publikum, die Leichtigkeit in Austins Stimme erwärmt Herzen, die viel zu lange ohne das Feuer von Live-Musik auskommen mussten. Kontrastreicher könnte es gar nicht kommen, als der Song sein Ende findet und in den noch verklingenden Noten Schlagzeuger Chains und Bassist Prolidol die Bühne betreten und das Publikum in einer langwierigen Ekstase aus lauten Trommelschlägen und dröhnenden Melodien versinken lassen.

Genau dieser Kontrast ist es jedoch im Endeffekt, der den Abend so lange aufrecht hält und dafür sorgt, dass die Stimmung es nicht wagt, stillzustehen, sondern stattdessen immer weiter zu tanzen. Der Kontrast zwischen Monaten voller Stille, langsam wiederkehrender Zärtlichkeit und zwischen den Baumwipfeln hallendem Lärm, zwischen leeren Zimmern und vollen Sitzplätzen, zwischen dem Facetimeknopf und WhatsApp Sprachnachrichten, die während den Songs für lang vermisste Freunde aufgenommen werden. Der Kontrast zwischen Depeche Mode und ihrer Coverband, der in den Ohren erstaunlich klein ist – ich verstehe bei „Wrong“ auch in der gecoverten Version Ron – aber dafür im Publikum umso größer. Doch selbst das scheint in den ersten Reihen egal, in denen vereinzelt sogar „Remode“ Merch zu erblicken ist und die Atmosphäre genauso sorglos bebt, wie es bei dem Konzert der Idole wohl der Fall gewesen wäre.

Auch Späße lassen sich Remode nicht nehmen, als sie eine vermeintliche „B-Seite, die nur wirkliche Fans kennen“ anstimmen, die sich schließlich als das bekannte „Everything Counts“ entpuppt („Tja, haben wir euch voll verarscht“). Direkt abgelöst von „Personal Jesus“, mit dem so gerne – zurecht – angegeben wird. Hände fliegen durch die Luft, Gedanken nicken im Takt und mittendrin schlägt das Herz bis zum Hals, geflutet mit zentnerschweren Momentaufnahmen und wolkenwiegender Erleichterung. Die Band verlässt die Bühne unter Applaus, der durch die Stuhlreihen rauscht und betritt diese wenige Augenblicke später wieder unter Applaus, der durch die weiße Decke steigt. Ein letztes Mal leuchten die Lichter euphorisch auf und ein letztes Mal wird jeder kleine Funken Energie verbrannt, als die Band „Enjoy the Silence“ anstimmt; den Song, der wohl in keiner Synthie-Pop-Playlist fehlen darf und das Publikum schließlich mit wieder aufgetankten Glücksgefühlen und einer fortwährenden Melodie im Blut den Fängen der Nacht überlässt.

Vielen Dank an dieser Stelle auch an die Veranstalter von „Mit uns kann man reden“ für diese unglaublich schöne Veranstaltung und für das Realisieren einer coronaconformen Show in einem wahren Trubel aus verschiedensten Maßnahmen!

Fotos: (c) Mihanta Fiedrich / Gedankengroove

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