Endlich wieder „Ready to rock“

05.08.2021, Park der Gärten, Bad Zwischenahn. Bedrohliches Donnergrummeln und nieselnder Regen begleiten den Einlass, während Kontaktnachverfolgungszettel ausgefüllt werden und auf den Testergebnissen nach dem Erleichterung versprechenden Wort „negativ“ gesucht wird. Bunte Regenjacken vermischen sich mit den Regentropfen auf beschlagenen Brillengläsern und die Schlange zur Getränkeausgabe wird proportional zu den schwarzen Stühlen voller. Die Plastikstühle reihen sich auf in langen Reihen, füllen den ganzen Raum unter dem weißen Pavillon aus und lassen zwischen den beiden Parketten fast schon ehrfurchtsvoll Platz zum Durchlaufen, zum Freunde begrüßen, zum Bierbecher balancieren. Über den Boden rollt sich ein schwarzer Teppich, der die beinahe festliche Atmosphäre nur verstärkt. Der Schriftzug „Leoniden“ zieht sich über die ganze Bühne und immer wieder erwartungsvolle Blicke auf sich. Sorgsam vor ihm aufgereiht befinden sich allerlei Instrumente, die aus der klassischen Konstellation von Schlagzeug, Bass, Gitarre und Mikrofonen ausbrechen und geschmückt werden durch verschiedenstes Schlagwerkzeug, Synthesizern und einem Piano.

Als der Regenbogen dann ein letztes Mal in satten Farben hinter dem Pavillon erstrahlt, betritt die Band unter lautem Jubel endlich die Bühne. Der erste Song „Colorless“ schmückt die Stimmung, wird begleitet von einem euphorischen „Wollt ihr aufstehen?“ und einem prompten Erheben der Menge, die augenscheinlich viel zu lange auf diesen Moment gewartet hat. Die Basslinie droht, davonzulaufen und unter die Stimme von Sänger Jakob Amr mischen sich verwegene Klanghölzer. Letzte Gesichter huschen auf freie Plätze, schon da gewesene kommen gar nicht mehr aus dem Strahlen raus. Der weiche Teppich verlockt zum Tanzen; bietet eine Abwechslung zu dem teilweise durchnässten Boden, der bei allen anderen Open Air Shows sonst weiße Schuhe in die Waschmaschine befördern würde.

Während der erste Song noch in den Gliedern steckt, erzählt Jakob von dem Tourplan, der sich in den letzten Tagen nur durch Norddeutschland gezogen, dann aber auch noch für einen Abstecher nach Österreich verirrt hat. Die 460. Leoniden Show findet heute dann ihren Platz auf der Bühne im anschaulichen Park der Gärten in Bad Zwischenahn, dessen Lichternacht den Bereich außerhalb des angestrahlten Pavillons in bunte Farben versetzt. Zwischen den Songs findet Jakob Zeit für ein kurzes Q&A – doch bevor es zu dem A aus dem Publikum kommen kann, ist die Gitarre fertig gestimmt und ohne weitere Umwege wird „Why“ angestimmt. Die beiden ersten Songs stammen aus einem Album, das unter dem Titel „Again“ bereits 2018 veröffentlicht wurde – dazwischen lagen jede Menge Singles und vor allem eine Vielzahl an Konzerten, die nur durch die Zwangspause im letzten Jahr einen kurzen Zwischenstopp finden mussten.

Aber auch die kleine Unterbrechung hat ihre Vorteile und so kann Jakob voller Stolz das am 20. August erscheinende Album „Complex Happenings Reduced To A Simple Design“ ankündigen, von dem dann auch anschließend die Singles „Dice“ und die neuste „New 68“ angezählt werden. Auch hier ist die Textsicherheit des Publikums markant, die in der Luft liegende Euphorie ist zum Greifen nah und die im Rhythmus tanzenden Körper sprechen für sich und dafür, dass das Album wohl auch ein ganz großer Erfolg sein wird.

„New 68“, laut der Band ein Song „über Aufbruch, Bewegungen und politischen Aktivismus“, versprüht Funken von genau dieser Aufbruchstimmung, lässt Raum für utopische Gedanken, in denen das 1,5-Grad-Ziel eingehalten werden kann und die Straßen voll sind von Menschen, die sich dafür einsetzen, dass auch die Herzen der zukünftigen Generationen genauso voll sein werden, wie es im Hier und Jetzt möglich ist. Im Hier und Jetzt, mit Leoniden auf der Bühne und einem Rhythmus, der Hoffnung verspricht. Die alles übertönende Hoffnung darauf, dass die hier Anwesenden Zukunftsträger sind und unsere Generation einen großen Gewinn dazu beisteuert, der Utopie einen Funken Realität zu verleihen.

Bunt angestrahlter Nebel umhüllt die Bandmitglieder, als nach „New 68“ Applaus aufbrandet und die Klänge in eine Richtung gehen, die man wohl in die Schublade Goa packen würde. Schrill, laut, aber vor allem energiegeladen entführt die Band das Publikum für mehrere Momente in eine Ekstase, die das Dröhnen aus den Köpfen nimmt und diese stattdessen einlullt in einen Schleier aus nahezu bedingungsloser Zufriedenheit. Das kleine Interlude lässt es zu, dass die Gedanken aus beiden Gehirnhälften entschweben und sich stattdessen in der Luft zu wirren Fäden zusammenziehen, die nach Ende des Songs wie Konfetti über den langsam wieder zu sich kommenden Köpfen explodieren. Jakob schnappt sich das Mikrofon, kündigt den nächsten Song an – „Wir gehen jetzt back zum Rock“ – und erzählt eine Anekdote eines Dave Grohl Konzertes, bei dem eben jener unzählige Male aus der Menge die Antwort auf „Are you ready to rock?“ herausgekitzelt hat. Ganze viermal klappt es mit dem unter dem Pavillon anwesenden Publikum, bis Jakob nach immer steigender Lautstärke in Lachen ausbricht und „Freaks“, in der Studioversion ein Feature mit Pabst, anzählt.

„Freaks“ vereint die Geister, die sich in „New 68“ bereits zusammengefunden haben und lässt sie zusammen tanzen zu einem Rhythmus, der schneller schlägt als die Herzen, die ihn in sich tragen. Wenn eine Sache bei Leoniden Konzerten wirklich signifikant ist, dann ist es wohl das Gemeinschaftsgefühl, das sich über mehrere Songs hinweg aufbaut und auch nach dem Konzert nicht so schnell verschwinden will. Und auch wenn alles mit den schwarzen Stühlen und dem Abstand zwischen den schlagenden Herzen so anders ist als bei der moshpitüberladenen Clubshow in Leer am Abend zuvor, heben sich die Hände trotzdem im gleichen Takt und schwingen die Gedanken trotzdem in der gleichen Frequenz zu den dröhnenden Bässen.

Und wenn es dann gerade nicht in den Songs darum geht, sich zum Refrain hin zu verlieren und zu den Strophen hin wiederzufinden in einem Freudentaumel aus Weltliebe und dem Grinsen der Mundwinkel der Menge, hält die Welt kurz still und Jakob kündigt das Bandhandy an, über das Merch online bestellt werden kann, um für so wenig Überproduktion wie möglich zu sorgen. Das Publikum kann es sich natürlich nicht nehmen, die Nummer direkt anzuwählen und so facetimed Jakob mit Jan ein paar Reihen vor mir, der sich gestern noch in den Moshpits verausgabt hat und heute mit einem Augenzwinkern von Jakob als überzeugender Statist gelobt wird. Ein paar Songs und haltlosen Applaus später legt sich wieder sekundenlange Stille über den Platz, bis der erste Mensch im Publikum anfängt, im Takt zu klatschen und nach und nach die Menge wie auch die Band einstimmt. Der Rhythmus ändert sich, bis die Hände immer höher durch die Lüfte fliegen und die Band dann auch schließlich die Melodie zu „People“ dazu liefert, das sich über die Jahre seinen Weg in die verschiedensten Wohnzimmer der ganzen Welt und auf die buntesten Bühnen Europas gebahnt hat.

Stichwort Wohnzimmer und Jakob findet seinen Weg von der Bühne zu dem Klavier, das etwas abseits steht und ihn im schwachen Licht zerbrechlich wirken lässt. Er will ein Medley zum Besten geben und schlägt die ersten Töne von „Narcotic“ an, die das Publikum nach und nach mit Leben füllt. „Don’t Look Back In Anger“ wird mit einem ähnlichen Lächeln mitgesungen wie die Songs des Leoniden Sets, zumal es an längst vergessene und tief im Gedächtnis verstaubte Erinnerungen denken lässt. Ein kleiner Ausflug unzähliger Herzen in Jahre, die sich stark nach Lagerfeuerknistern und langen Autofahrten eingequetscht auf der Rückbank anfühlen.

Die Klavierakkorde und Jakobs gefühlvolle Stimme wandern über „Kiss from a Rose“ zu „Firework“ und plötzlich steht die Welt ein klein wenig Kopf, als um Jakob herum funkelnde Pyrotechnik und das Gefühl von Silvester, Neuanfang und Frieden-mit-sich-selbst in die Luft fliegt. Die kurze Verschnaufpause tut dem bis dahin dauerhaft in Bewegung versetzten Publikum gut, bringt frischen Wind in Lungen, die in der letzten Stunde auf Hochtouren arbeiten mussten und tauscht die dunklen Handybildschirme aus durch Taschenlampenlichter, die bis zur Bühne hin strahlen und das Leuchten in den wachen Augen noch mehr zum Ausdruck bringen.

Mit „1990“, dem ersten Song des Abends, der dem Debütalbum „Leoniden“ entstammt, könnte der Kontrast zu den gefühlvollen Klaviertönen wohl nicht größer sein und in Sekundenschnelle verwandelt sich die in der Stimmung schwebende Schwere zu in der Luft liegender Leichtigkeit, die den Boden beben und die Körper tanzen lässt. Ein Rhythmus, ein Gefühl, eine Menge – und gerade könnte es nicht weniger egal sein, wie viel Abstand zwischen den Stühlen herrscht und dass dieser Zustand keineswegs der Normalität entspricht, solange das Schlagzeug nicht aus dem Takt gerät und die Basslinie die Sorgen davonträgt. Auch „L.O.V.E“ tut dieser Stimmung keinen Abriss, als Hände passend zu den jeweiligen Buchstaben in die Luft gerissen werden, die alsbald getränkt ist von kleinen Ausrufen der Freude und dem immer wiederkehrenden Jubel auf die immer wiederkehrende Frage danach, ob das Publikum „ready to rock“ sei.

Nach „Kids“, das mit seinem euphorischen Refrain nach den Sternen greift, stattdessen Sternschnuppen einfängt und sie über dem Himmelszelt unter donnerndem Applaus explodieren lässt, leert sich die Bühne und wird schnell durch laute „Zugabe“-Rufe gefüllt. Ein einziger blauer Scheinwerfer streckt seine Strahlen aus nach Jakob, der ganz alleine die Bühne betritt und sich an das Piano setzt. Diesmal soll es jedoch kein Medley sein, sondern ein Leoniden Song, der statt Aufbruch Weitermachen vermittelt und Schwäche inmitten von Unnahbarkeit aufzeigt. Jakob verarbeitet in nach Herzblut schreienden Zeilen seine Erfahrungen mit Panikattacken und mit den Momenten, in denen das Konfetti auf Wunden landet, über die sonst lange Pulloverärmel gekrempelt werden. Leoniden entscheiden sich somit inmitten eines Sets aus Sonnenschein und Schwerelosigkeit dafür, mit „Blue Hour“ die Hintertüren aufzuschließen und reinen Tisch zu machen mit versteckten Sorgen und weggesperrten Zweifeln. Machen Mut, die eigenen Ängste aus dem verlassenen Backstage ins Rampenlicht zu rücken und sie denen mitzuteilen, die es sonst nicht vermögen, hinter die farbenfrohen Fassaden zu blicken.

Schließlich findet sich die ganze Band wieder auf der Bühne ein und zwischen den beiden letzten Songs „Nevermind“ und „Sisters“, zwischen Seifenblasen und einem letzten „Are you ready to rock?“, zwischen genreüberschreitendem Indie und lauten Refrains findet Jakob seinen Platz mitten im Gang, umgeben von grinsenden Gesichtern und mit Sticks in der Hand, die ohne Unterlass ihr Bestes auf den verschiedensten Percussioninstrumenten geben. Und so langsam findet dann auch der Abend sein Ende, als ein letztes Mal der Refrain von „Sisters“ angestimmt wird, sich die Seifenblasen in erfüllten Augen spiegeln und die Band die Hände gen Decke hebt, um sich ein letztes Mal bejubeln zu lassen. Zurück bleibt die verheißungsvolle Vorfreude auf Konzerte ohne schwarze Stühle und ohne Abstand, bei denen Jakob auf den Händen des Publikums wieder auf die Bühne getragen wird und die Menge in der Mutprobe eines jeden Moshpits zusammen lernt, was es heißt, sich fallen zu lassen.

Vielen Dank an den Veranstalter MITUNSKANNMAN.REDEN für die Realisierung eines Konzepts, das diese Vorfreude am Leben hält und ihr immer wieder neue Hoffnungsfunken verleiht. Vielen Dank, dass ihr Konzerte möglich macht und der Kultur einen Anker zum Aufatmen gebt.

Fotos: (c) Mihanta Fiedrich / Gedankengroove

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