Schmetterlinge und Selbstreflexion

Wir teilen uns den Einlass mit Fans der Metalband mit dem riesigen schwarzen Sprinter, der direkt vor der Venue parkt. Die wollen ins Capitol, wir ins Lux. Auf der Bühne stehen wird für uns heute jedoch keine Metalband, sondern Nico Laska aus Frankfurt, der im letzten Jahr sein Debütalbum „NI / CO“ auftischte und am 07. April in Hannover während seiner ersten Headlinertour Halt macht. Seine Musik – ein bunter Mix quer durch verschiedene Genres, geschmückt mit klangreichen Effekten und sorgfältig verziert mit wegweisenden Texten. An der musikalischen Front live mit dabei Karan Walia an Gitarre, Bass und Keys und Michael Dreilich am Schlagzeug; eine Kombination, die es vermag, den Liedern live ihren ganz eigenen Charme zu verleihen. Musik, die sich weder in Aufnahmen noch in Erinnerungen einfangen lässt, sondern vom Moment und all seinen Wundern lebt.

Der eisige Wind weht uns fröstelnd in die Venue, die charmant in rot erstrahlt und sehr zu meiner Freude noch am 3G-Nachweis festhält. Der schmale Flur ist schnell gefüllt mit kalten Gesichtern und warmen Glücksgefühlen, die ihren Weg in den kleinen Club finden. Durch drei Treppenstufen wird der Bühnenbereich abgetrennt; daneben Merch, Bar, Fotoautomat, Treppen zu Backstage und Toiletten.
Uns empfängt freundliches Stimmengemurmel und eine fröhliche Playlist, die Songs von One Direction bis hin zu AJR wiedergibt und schon jetzt den Stimmen dazu verhilft, wieder warm zu werden. Anwesend ist ein bunter Mix aus Gästen – eine von drei Personen, die bei dem ersten Nico Laska Konzert in Braunschweig dabei war, Fans, die die erste Tourhälfte komplett mitgetourt sind und die anderen vier Konzerte auch noch im Visier haben und Spontanbesuchende, die noch unschlüssig zwischen Bar und Bühne pendeln. Gemeinsam ist allen aber das Lächeln und die nicht zu verbergende Vorfreude auf das anstehende Konzert.

Alle Fotos in diesem Bericht sind von Brian Kramer (https://www.instagram.com/brian.krmr/). Checkt ihn aus!

Aber bevor Nico Laska die Bühne betreten wird, hat Luenna aus Mannheim die Ehre. Es ist ihre erste Tour und genauso wie bei Nico später wird man auch ihr das nicht anmerken, so stimmig sind die Interaktionen mit dem Publikum und die Atmosphäre auf der Bühne. Unterstützt wird sie von Patrick Riedle an der Gitarre und begleitet von Sounds vom Laptop, die sonst von ihrer Band gespielt werden.

Luenna eröffnet eine Show, die Anklang findet und an Klang nicht spart. Arme ausgebreitet, Finger ausgestreckt. Schmetterlinge fliegen durch den Raum, während der effektreich geschmückte Sound umherwabert und in energiereich verzierten Refrains durch die Körper strömt.
Der Bass flutet den Club und die Tiefe der Songs kitzelt eine Bandbreite von Gefühlen zwischen Spätiausgelassenheit und Autobahntunnelfreiheit hervor. Obendrüber schwebt die hohe Stimme von Luenna, lässt Sommersehnsucht und Badeseebauchkribbeln aufkommen. Zwischen Abschließen und Abrechnen findet sie immer wieder Momente voller Euphorie, die die Zeilen tanzen und die Melodien fliegen lassen.

Hände berühren fast die Clubdecke, Herzen wollen hoch hinaus und nie wieder zurück auf den Boden fallen. Das ist ein Set, das mit seinen Werten und seiner ganzen Euphorie wirklich gut tut – die Sorgen jammern irgendwo in der Ecke, zurückgelassen und ersetzt durch Selbst- und Lebensliebe. Hier ist gerade alles ganz schön okay, hier dürfen alle sein.

Auch wenn es ihre erste Tour ist, scheint es doch so, als hätte Luenna ihren Platz schon gefunden; nicht zuletzt zurückzuführen auf das breite Strahlen, das keine Sekunde von ihr weicht und bis zu den Mundwinkeln der Besuchenden reicht. Niemand kann ihr diese Bühne strittig machen; niemand kann abstreiten, dass sie nicht genau hier hin gehört. Bunte Lichter reflektieren in aufblitzenden Augen und spiegelnden Smartphonedisplays, strahlen mosaikartig und bringen die Gedanken zum Jubeln. Zwischendurch immer wieder kleine Anekdoten, so auch zu dem Song „Controllo“, der mit seinem auffallenden Refrain (und dem von Nico eingeführten Lokführeremoji) besonders lange in wolkenleichten Köpfen hängen bleibt.

Überraschend für mich ist die überaus positive Resonanz bei den mittourenden Fans, die sie seit Beginn sehr wohlgesonnen aufgenommen haben und nicht wenige der Texte inzwischen sogar mitsingen können. Dabei hat ihre erste Single gerade einmal vor zwei Wochen das Licht der Welt erblickt – und wird dementsprechend euphorisch von den Fans zelebriert.
„Answerphone“, der letzte Song im Set und auch der lauteste, zeugt von gewagten Tontänzen und befreiender Aussagenakrobatik. Kurz nimmt sie sich zurück, kurz herrscht andächtige Stille im Zuschauerraum, bis die Instrumente mit einem Mal im Refrain stärker als zuvor wieder einbrechen und eine Atmosphäre ausstrahlen, die noch nach dem letzten verhallten Applaus unbesiegbar fühlen lässt.
Rauschender Fahrtwind im Nacken und siegessichere Lachfalten im Gesicht – Luenna weiß um ihren Selbstwert und vor allem darum, die Wichtigkeit dessen an alle anderen weiterzugeben. Sie lässt das eigene Selbstbewusstsein erstrahlen und wenigstens für diesen Abend all die negativen Gefühle verdrängen, die das kleine Teufelchen auf der linken Schulter gerne einflüstert.
Die roten Rosen auf der Fensterbank sind längst verwelkt und die rosarote Brille liegt zerschmettert neben dem Spiegel, in dem ein echtes Lächeln nach langem Regenguss das gefälschte ersetzt.

Das echte Lächeln weicht auch nicht von den Lippen, als sie freudestrahlend die Bühne verlässt und der stimmungsvollen Umbauplaylist die Tanzfläche überlässt. Die Fotobox wird neugierig ausprobiert, leere Flaschen wandern an die Bar und volle Herzen für eine kurze Verschnaufpause an die frische Luft.
Es dauert nicht lange und die Songs werden abgelöst von einem Intro, das dem Jubeln nach Nico Laska ankündigen soll. Michael und Karan betreten unter lautem Applaus das Set; vom Sänger noch keine Spur – bis ein schrilles Telefonklingeln das Intro durchbricht und Nico’s Stimme wie auf den Anrufbeantworter eingesprochen erklingt. Kaum ist das letzte Wort verklungen, feuert Michael am Schlagzeug die ersten Beats ab und kurz darauf lässt sich auch der Frankfurter Singer/Songwriter blicken.

Den Opener macht „Hey My / Name Is“ mit den ersten Zeilen „It all started at the age of 16“, die auch das Debütalbum einläuten – und mitnehmen auf eine Reise in die Vergangenheit von Nico Laska und in all die Momente, die ihn zwischen 16 und 21 prägten.

Zwischen kritischer Selbstreflexion und gewonnenem Selbstbewusstsein geht es vor allem um Selbstfindung und darum, endlich definieren zu können, wer Nico Laska überhaupt ist.

Einen Bruchteil davon will er uns heute zeigen und zusammen mit dem Publikum verloren gehen inmitten von Euphorie und nicht enden wollender Energie. Wunderkerzen scheinen nie mehr abbrennen zu wollen, gefangen in einem Funkenmeer aus Wunschdenken und einer wattegeschmückten Fantasie.
Nico schafft es, den Club binnen Sekunden in eine ganz andere Welt zu verwandeln – in eine, in der er gleichzeitig Storyteller wie auch Zuhörer ist. In eine Welt, in der alle Sorgen gleichermaßen wichtig sind und nicht nur die derer, die am lautesten schreien. In eine Welt, die untergeht in dem Wunderkerzenfunkenmeer und die wieder auftaucht, um darüber zu staunen, wie sehr man von Sonnenauf- zu Sonnenuntergang wachsen kann. Und eine, in der man sich darüber freut, auch die anderen wachsen sehen zu können. Die Dynamik hier ist eine andere, wurde angestimmt durch das Telefonklingeln und in unbekannte Höhen geschleudert durch das energische Drumming und die facettenreichen Melodien.

Die Diskokugel funkelt leise vor sich hin, teilt sich den Platz unter der Clubdecke mit lauten Klängen und vollen Herzen. Auch wenn in Hannover mit am wenigsten Tickets für die Tour verkauft wurden, merkt man das der Stimmung in keinem Moment an – die Textsicherheit ist atemberaubend, die Fans wissen bei jedem neuen Song, wo ihre Hände und Stimmen am besten aufgehoben sind. Am meisten berühren mich die beiden Konzertbesuchenden, die sich ganz hinten den Platz zum gedankenverlorenen Tanzen herausnehmen. Und ich verstehe in dem bunten Gemisch aus Masken und Grinsen, was Nico meint, wenn er von „GANG“ spricht. Rote Pullis erinnern an das Albumcover und immer, wenn seine Stimme ihn im Stich lässt, fangen ihn unzählig andere wieder auf.

„Mir wurde im Voicecoaching gesagt, ich solle auf mich aufpassen – aber ich habe das Gefühl, dass ihr das für mich tut, wenn ihr so unglaublich laut mitsingt!“

Später am Merch bleibt mir sein erleichtertes Lächeln im Kopf, als er davon erzählt, wie seine Bedenken über die wenigen verkauften Tickets in der Euphorie des Abends verpufft seien und dass es ihm wichtig sei, auch darüber zu reden. „Ich möchte ehrlich sein.“ Und das kommt auch wirklich an.

Aufrichtiges Lächeln, lieber ein paar Anekdoten zu viel als zu wenig und Dankbarkeit, die beflügelt in die Nacht strömt. Die viel größer zu sein scheint als die kleine Tanzfläche hier bei seinem ersten Gig in Hannover. Die mithilfe der erhobenen Hände und lächelnden Münder Flügel verliehen bekommt. Dankbarkeit, die nicht nur auf der Bühne zu spüren ist, sondern allgegenwärtig zu sein scheint.

Der Club verschwimmt, die Stimmung verläuft – in eine Leinwand verziert mit roten Gefühlen, Gedanken, Geheimnissen. Bis der Kopf dröhnt vor Beats und Bass und bis sich das Herz überschlägt vor Melodie und Melancholie. „Ich brauche alles von euch. Alles, was ihr geben könnt.“ Bis „Thunder“ einsetzt und mittendrin auf einmal von „Know my Name“ abgelöst wird. Instrumente purzeln übereinander, finden sich und tanzen mit den Fingerspitzen der Menge. Der nächste ältere Song „Sticks and Stones“ löst nahtlos ab, lässt die Fans jubeln und mich staunen.
Darüber, wie ausgereift dieses Live-Set ist und trotzdem nicht wie auf dem Präsentierteller dahingestellt wirkt und darüber, wie textsicher alle auch bei den Songs aus längst vergangenen Phasen sind. Was für ein atemberaubendes Gefühl das sein muss. Ich sehe es Nico an, als er sich auf den Boden fallen lässt, kurz aus dem Blickwinkel verschwindet und gefühlt tausende Stimmen übernehmen.
Ein Chor, aufgebaut aus stundenlangem Zweifeln und tagelangem Aufmuntern. Der sich irgendwo in der Mitte getroffen hat und dessen Partitur noch lange nicht zu Ende geschrieben ist.

Ein Sound, der sich endlich gefunden hat und doch so schwer in Worte zu fassen ist. Der in einem Moment freudejauchzend über wogende Wellen surft und sich im nächsten abgrundtief in die wehleidigen Wasserschluchten stürzt. Der sich in einem Takt ein Wettrennen zwischen Vogelschwärmen gen Süden, Sommer, Sonne und wattegeschmückten Wolken liefert und sich im nächsten seiner Schwerkraft bewusst wird und fällt, fällt, fällt. Aber es ist nicht nur der Sprung von Höhen zu Tiefen, sondern vielmehr auch die ganze Achterbahnfahrt dazwischen. Die ganzen verzwickten Entscheidungen und Überlegungen, die ganzen Augenblicke gefüllt mit „was wäre wenn“ und „was mache ich hier eigentlich“. Vielleicht ist das, was am Ende bleibt, gerade diese Dankbarkeit dafür, dass nach jeder Nacht die Sonne wieder aufgeht und die hier aus jeder Faser strahlt.

Das Schlagzeug explodiert, die Gitarre feuert hinterher und die Stimme tanzt ausgelassen dazwischen. Die drei auf der Bühne grinsen sich gegenseitig immer wieder an, Nico erzählt von dem Lästermikrofon, über das sie miteinander verbunden sind. Und muss einen Song später mittendrin lachen. „Ich hatte meinen Text kurz vergessen, aber Karan hat mir durch das Mikro geholfen. Dann habe ich ihm ganz unauffällig einen Daumen nach oben gezeigt und paar Sekunden später höre ich nur ein stumpfes „Kein Problem“ von ihm in meinen In-Ears, kurz bevor ich loslegen will!“

„Empty / Room“ setzt ein. Einer meiner Lieblinge – Gründe dafür gibt es viele. Angefangen mit der detailverliebten Referenz zu Nicos ersten EPs „Fine“ und „Gone“. Dann weiter mit der Ruhe, über der sich seine Stimme so wunderbar entfalten kann, ergänzt durch die sich ständig wiederholenden und ineinander laufenden Melodien.
Schließlich vervollständigt durch den plötzlichen Stimmungsumschwung im Refrain, dessen Effekte irgendwas in mir auslösen, das ich nur mit weinenden Sonnenaufgängen und dem ehrfürchtigen Moment beschreiben kann, in dem man merkt, wie sehr man in diese eine Person, in diesen einen Augenblick verschossen ist. Der Moment, nach dem sich alles wie durch Zuckerwattefilter anfühlt und das gemeinsame Glück durch die Finger rieselt, aber mit dem Unterschied, dass man die Sanduhr danach noch einmal umdrehen darf, um dieses Leben immer wieder zu fühlen.
Und schließlich wird der Song noch geschmückt durch die sich immer wieder zurücknehmende und doch in allen Takten unglaublich starke musikalische Komposition. Hier werden ganz andere Töne zusammengemischt, ganz andere Dynamiken erzeugt – das hier ist Nico Laska, das hier will es sein.

„Mir wurde gesagt, dass ich auf der Bühne mehr Blödsinn reden soll, um sympathischer zu sein. Aber wie sympathisch soll ich denn sein?!“

Bevor sich das Set dem Ende zuneigt, kriegt der Song „Fam / Ily“ noch einen ganz besonderen Platz, als Nico Luenna auf die Bühne ruft. Zu zweit stapeln die beiden gekonnte Harmonien und zünden dem Publikum die inmitten der Feuerwerke voller Euphorie erloschenen Wunderkerzen wieder an. Erinnerungen knistern, der Kopf schweift ab und das bedeutungsschwere Innehalten lässt die Sterne singen und die Blätter rauschen. Ein Stimmduo, das sich nicht gesucht, aber auf dieser Tour gefunden hat. Nico erzählt noch lachend, dass er vorher nicht einmal wusste, ob Luenna überhaupt cool sei – aber gerade jetzt scheint sie sich mit Sternchen bewiesen zu haben.

Auch neue Songs hat der Künstler auf Lager – und wäre es denn überhaupt die „GANG“, wenn hier nicht auch lautstark alle Texte mitgesungen werden können? Oder zumindest andächtig die Taschenlampen und Taschentücher gezückt werden bei dem Song, der frisch auf Tour entstanden ist und noch keinen Namen hat. Ein anderer neuer hat bereits den bedeutungsschweren Titel „Afraid of Happiness“ verliehen bekommen und verleiht mir das Gefühl, die ganzen Wahrheiten in und zwischen den Zeilen immer und immer wieder hören zu wollen.
Mein Herz blutet ein wenig, wird jedoch schnell wieder zusammengeflickt, als Nico vor dem nächsten Song „Mama / Said“ über das Telefon einen wertvollen Reminder einspricht. Nicht nur für sich selber, sondern auch für alle anderen, die Teil dieser Reise sind.
Nico Laska ist kein Soloprojekt und gerade hier ist spürbar, wie viel ihm all diejenigen bedeuten, die das Projekt mit Leben füllen – egal ob auf Tour oder im Recording, hinter den Kulissen oder auf der Rückbank. „Because the toughest goal that you can achieve / Is being nice to others even if they are mean” bleibt die Zeile, die mir noch lange nach Ausklang der letzten Töne im Ohr bleiben wird – genauso wie der Rausschmeißer „Weak“, zu dem sich die drei verbeugen und tanzend die Bühne verlassen. Was für ein Fest!

Vielen Dank an Brian Kramer für die wunderbaren Bilder! Schaut unbedingt bei ihm vorbei, wenn ihr euch neben digitaler auch für analoge Fotografie interessiert – https://www.instagram.com/brian.krmr/

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