Selbstfindung im saunaclub27

Kassel, 29.04.2022 – Zwischen Bahnschienen und Waldstrichen wartet das Franz Ulrich auf seine ersten Gäste, die es sich fröhlich plaudernd im Sonnenuntergangslicht gemütlich machen. Abgelegene Location, dafür umso familiärere Stimmung in dem kleinen Club, der sonst tagsüber als Kulturraum dient und heute die Bühne für Hi! Spencer aus Osnabrück stellt. Die Tür der Unisex-Toilette steht offen und freundlich funkelt die Diskokugel entgegen, der Tresen vom Einlass ist direkt mit der Bar verbunden. Heimelig laden die Sofas zum Ankommen ein und verleihen dem Club ein warmes Dachboden-Gefühl. Ich kann mir gut die Tischkickerduelle vorstellen, die hier sonst mit Fritz Kola und guten Gelächtern intus stattfinden könnten. Links vom Eingang ist die Technik sorgfältig aufgebaut, daneben der Merchstand und ein freundlich grinsender James dahinter. Ehe wir uns versehen ist der Club gut gefüllt – ist heute ja auch ausverkauft – und zwischen Bandmerch und Bierflaschen werden die Stimmbänder mit der vor Gute-Indie-Laune nur so funkelnden Playlist aufgewärmt.

Hi! Spencer (c) Gedankengroove

Immer wieder wird erwartungsvoll gen Bühnenaufgang gespäht, während die Uhren unumsichtig weiterticken und zu Geduld ermahnen. Dann, endlich Bewegung. Keine Vorband, direkt Hi! Spencer. Die die Bühne mit „Fotopapier“ betreten, dem Opener der im April erschienenen EP „Memori“. Gewohnt eindrucksvoll heizt sich die Stimmung binnen Sekunden auf, bis im Refrain buntes Grinsen umhertanzt und das Strahlen sich in Handydisplays reflektiert.

Imaginäre Kulisse sind heute nicht renovierungsbedürftige Altbauten, sondern umso liebevoller gestaltetere Gärten und eine Idylle, die durch die verblassende Erinnerung weichgezeichneter und freundlicher wirkt. Die blumendurchtränkte Landluft ballt sich zwischen den Häusern auf, spielt mit den Haaren der durch die Straßen tobenden Kinder und versetzt dem zwischen ihnen springenden Fußball einen frechen Stoß. Aber heute liegt noch etwas anderes in der Atmosphäre. Hi! Spencer greifen eine Stimmung zwischen Neuanfang und Wehmut auf und packen sie ein in Songs, die inzwischen wissen, dass das Pendeln zwischen Gefühlen und Genren seine Legitimität und vor allem seinen ganz besonderen Wert hat.

Bei der neuen EP sticht besonders das Artwork raus, das zusammen mit dem Osnabrücker Kreativteam kraem (https://www.instagram.com/kramdelakraem/) entstanden ist und so viel bunter und lauter ist, als man es von der beinahe düsteren Gefühlswelt der Band gewohnt ist. Grund dafür sei im Zuge der Selbstfindung als Leitmotiv der EP die Erinnerung an eine farbenfrohe Kindheit, die mit ihrer Neugier und Naivität zwischen schillernden Seifenblasen und zusammengewürfelten Träumen tanzte. Jede Singleauskopplung hat ihre ganz eigenen Motive und Muster, zeigt darüber hinaus auch die von Diversität geprägte Selbstauslebung. Im Vergleich zum 2019 erschienenen Album „Nicht raus, aber weiter“ haben sich die zweifelnden Ängste weiterentwickelt und können hoffnungsvoll in eine Zukunft schauen, in der der eigene Platz in der Welt schon ein wenig klarer ist.

Die Bühne tief, die Erwartungen hoch und dazwischen schwebt eine merklich aufgeladene Spannung, die im Refrain von „Richtung Norden“ schließlich verloren geht zwischen erfüllter Sehnsucht und glückseligen Träumen. Die von Band zu Besucher*innen springt und dabei diesen ganz besonderen Funken entfacht, der die Augen zum Strahlen bringt. Die sich unter der niedrigen Clubdecke anstaut, durch alle Körper pulsiert und schließlich in kleinen funkelnden Wassertröpfchen auf dem Körper absetzt. Schon jetzt ist die glühende Hitze deutlich spürbar, verbindet die Menge zu einer tanzenden Masse und legt sich auf Ohren, die nicht mehr von einer Maske eingerahmt werden müssen. Das blaue Licht strahlt geheimnisvoll und verleiht der Sehnsucht neue Kraft, die bis in den Kehlkopf dringt und sich zwischen Gelächter und Gesang entfaltet.

Die Luftfeuchtigkeit wirkt beinahe tropisch, während Hi! Spencer einen Ausflug in ihre Diskografie wagen – und ausnahmslos jede*n mitnehmen, der*die in den ausverkauften Club passt. Selbst die Texte vom schnellen „Trümmer“ des 2015 erschienenen Debütalbums „Weiteratmen“ liegen präsent im Mund, während die treibenden Melodien lautstark in den Gliedern tanzen.

Mit „Dahinten fängt die Welt an“ folgt der zweite Song der EP. Ein Song, der neben der Selbstfindung auch die Definition von Heimat und Ankommen sucht, es vermag, über den Tellerrand hinauszublicken und dabei von an Selbstsicherheit gewinnenden Melodien begleitet wird. Ein Song, der Mut gibt, die eigene Komfortzone zu verlassen und der Stimme von Sänger Sven Bensmann zu vertrauen, die von den ganzen Abenteuern in der Ferne schwärmt. Für mich schließt er sich da an, wo „Hinter dem Mond“ aufgehört hat – als Chance, nicht nur lokal, sondern auch mental neue Horizonte zu begreifen und das Weltbild zum Wackeln zu bringen, das noch vom konservativen Elternhaus geprägt ist. Für mich ist der Song der Glaube daran, dass Neuanfang für jede*n möglich ist und auch zu den verschlossensten Türen irgendwo ein Schlüssel versteckt ist, um verstaubten Optimismus zu befreien. „Ich bin zuhaus, wo ich mich spür“.

Nach den ersten vier Songs atmet der Club kurz durch. „Das war quasi die Vorband jetzt.“, stellt Sven grinsend fest. Auf die Frage, wie diese denn noch gleich hieß, erwidert er breiter grinsend „Hi! Spencer – und die haben dahinten auch Merch!“.

„Muttersohn“ folgt einige Songs später und ist noch eindrücklicher in die Erinnerungen eingewebt als die anderen. Mit Blumensträußen und sanftem Lächeln erinnert sich Gitarrist und Sänger Malte Thiede zurück an all die Mütter, die das unbeschwerte Aufwachsen erst ermöglicht und all ihre Energie in ihre Kinder investiert haben. Gleichzeitig auch ein wehmütiges Verarbeiten davon, wie schnell die Kindheit vorbei ist und wie schnell die Teenager-Rebellion die bedingungslose Liebe nicht mehr wertschätzt. Eine fast schon mahnende Hymne, die mit wie durch das besungene Dosentelefon verzerrten Refrains einen Schatten auf die Kindheit wirft. Die Essenz „Wer nimmt uns in den Arm?“ bleibt im Ohr und wirft einen weiteren Aspekt der Selbstfindungsreise auf, findet in den warmen Melodien ihre bunten Farben wieder.

An „Tauwetter“ und seinen Refrains, die zwischen ausdrucksstarken Strophen und lauten Schlagzeugsoli freudestrahlend die Arme in die Höhe reißen lassen, schließt sich „Club27“ an. Der mich mit seiner ausgelösten Euphorie überrascht. Ist der Text doch düster geschrieben – so geht es um Selbstmordgedanken und um die Frage danach, was denn hier noch hält – aber vielleicht ist auch gerade dieser offene Umgang mit Suizid das, was den euphoriegetränkten Melodien das hymnenhafte verleiht. Weil mental health ein immer präsenteres Thema wird und sich von den gesellschaftlichen Fesseln losreißen will, die es erst zu einem Tabu gemacht haben. „SaunaClub27“ wird im Publikum gesungen, die Band grinst. Ein Song, und insbesondere ein Gefühl, das sich einbrennt. Das vermittelt, dass all diese Gedanken valid sind und hier vor allem niemand damit alleine ist. Die Gitarre will weiter, drängt sich in den Vordergrund, vorbei am pulsierenden Beat und den doch so hoffnungsvollen Stimmen. Zeigt, dass auch bei Depression nicht alles nur schwarz-weiß ist, sondern dass die vielen Facetten vereinen und hier wie bei einem großen Puzzle zueinanderfinden. Vielleicht zeigen gerade solche Gefühle, dass dieses Leben noch nicht hin ist. Dafür ist der strahlende Refrain zu weltöffnend und die melodischen Umarmungen zu wertvoll.

Sven fragt in die Runde, wer von den Besuchenden bereits die Songs kennt – und erwidert auf den sich erhebenden Jubel freudestrahlend, dass somit auf jeder Show der Tour mindestens drei Leute ihre Musik kannten. Hier werden es wohl weitaus mehr sein, wie verschwitze Moshpits, unter der Decke hallende Stimmen und das ausverkaufte, liebevolle Gedränge bestätigen. Der „Clubshow“-Sprechchor aus Münster wird wieder aufgegriffen, als Sven inzwischen breit lächelnd sich für die hohe Quote derjenigen bedankt, die die Band schon öfter live gesehen haben und die schließlich auch ohne Erklärung der Band den Chor bei „Nicht raus, aber weiter“ in der Menge entfachen können.

Der Moshpit hat inzwischen den halben Club eingenommen. Brillen werden sicherheitshalber abgesetzt und auf der Bühne aufbewahrt – obwohl sie so klein ist, dass wir uns uneinig sind, wo der sicherste Platz dafür wäre – und zwischen Freudetaumel und Chorgesang finden sich immer wieder kleine Momente des Innehaltens. Kleine Momente, um kurz zu sich zu finden, um zu versichern, ob es Freund*innen und Fremden gut geht und um das zu verarbeiten, was das Konzert gerade gibt.
„Kopf in den Wolken“ ist genau so ein Song für die ganzen Freund*innen, aber auch, um neue Träume zu pflücken. Manche sind es wert, gelebt zu werden und aus anderen lernt man. Dieser Abend hier fällt definitiv in die erste Kategorie.
Dann findet sich ein Moment zum Verarbeiten, als die Saiten umgestimmt werden müssen und Sven spontan eine Pressekonferenz ausruft. Für Angelino, der bei einigen Dates Jan Niermann an Bass und Klavier ersetzt – „Jan ist geschrumpft“ ist der Kommentar dazu. Die Fragen sind zwar nicht die angebrachtesten, die Reaktionen darauf zeigen aber umso mehr, dass Angelino mehr als nur ein Ersatz ist. Was er dann auch noch beweist, als er die musikalische Untermalung zur berühmt-berüchtigten Merchvorstellung am Klavier würdevoll liefert und die Töne nur so zwischen den grinsenden Gesichtern umher tanzen. Dieses Mal ist es ganz schön viel Merch, und dazu noch ganz schön bunter. Verschiedene Shirt-Farben, aber vor allem auch verschiedenste, an den Bauhaus-Stil des EP-Covers angelehnte, Muster und Motive.
Der große Moment zum Innehalten findet sich dann in „So schön allein“, als das Gelächter nach der Ankündigung verklungen ist – „So schön allein haben wir in Münster mit Nicholas Müller [Jupiter Jones] gespielt. Jetzt in Kassel… Ist er leider nicht dabei!“ – und die letzten hoffnungsvollen Blicke sich wieder vom Bühnenaufgang abgewendet haben. Trotzdem sind Hi! Spencer bei diesem Song nicht allein – alle Stimmen werden noch einmal zusammengesammelt, um im Refrain voller Inbrust bis an die Decke zu schweben. Arme schlingen sich umeinander, Herzen klammern sich aneinander. Und der Widerspruch zwischen Text und Stimmung äußert sich in dem warmen Gefühl, dass so viele Seelen, die sich endlich selber akzeptieren und vielleicht auch lieben können, am Ende dann auch nicht allein damit bleiben. Und trotzdem – hier reicht der Grad an Selbstfindung gerade vollkommen aus, muss nicht noch weiter optimiert werden. Und „Schalt mich ab“ als zweite Zugabe bringt das Gedankenkarussel dann mit dem langgezogenen Refrain zum Schweigen. Übrig bleiben schwebende Seelenstille und tanzende Traumfänger.

Danke an Uncle M für die Möglichkeit!
Beitragsbilder: Mihanta Fiedrich / Gedankengroove

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